Hier ist die Übersetzung des Blogartikels von Oleg Wasiliew.

Bereits zum zweiten Mal bezeichnet mich der Bürger Putin, der sich für den Präsidenten der Russischen Föderation hält, aus nicht nachvollziehbaren Gründen, als die Judenpuppe, die Nadezhda Tolokonnikova aus antisemitischen Beweggründen im Supermarkt Aschan aufgehängt habe.
An dieser Behauptung ist fast alles unwahr.
Zu allererst bin ich keine Puppe, weil eine Puppe – wenn sie nicht die Vogelscheuche aus dem Zauberhaften Land Oz ist – keine Posts auf der Seite von Echo Moskau schreiben kann; normalerweise fehlt ihr die Fähigkeit Texte zu generieren.
Außerdem wurde ich nicht vor einem Jahr aufgehängt, es sind seit diesem Moment schon mehr als vier Jahre vergangen.
Und schon gar nicht von Nadezhda Tolokonnikova, sondern von einem Menschen in einer Weste der Jungen Garde der Partei Einiges Russland, der dunkel an einen großen russischen Künstler erinnert, das Mitglied der Kunstgruppe Woina Oleg Worotnikow, und von einer unbekannten Frau, die ebenfalls einem Mitglied der Kunstgruppe Woina, Natalja Sokol, gleicht. Nadja Tolokno hat selbstverständlich an dieser Aktion teilgenommen, hatte dabei aber eine ganz andere Rolle.
Außerdem hatte dieses Ereignis nicht im mindesten mit einer Unterstützung von Fremdenfeindlichkeit zu tun, ganz im Gegenteil.
Womit hatte sie zu tun und was ist eigentlich passiert?
Anfang September 2008 führte die Kunstgruppe Wojna die Aktion „Zum Gedenken an die Dekabristen“ durch, bei der in einer Filiale der Supermarktkette Aschan mit Hilfe von Bergsteigerausrüstung symbolisch Menschen gehängt wurden, zwei, die die Rolle von Homosexuellen spielten und drei, die die Rolle illegaler Migranten aus Tadschikistan spielten. Die Homosexuellen stellten die gehängten Mitglieder des nördlichen Kreises der Dekabristen dar, die Migranten aus Tadschikistan die des südlichen.
Das alles fand unter dem Banner “Zum Teufel mit Pestel!” / “Пестель нахуй не упал” statt; das stand auf der sechsfarbigen Regenbogenfahne der LGBT-Bewegung. All das zusammen mit der Weste der Jungen Garde der Partei Einiges Russland symbolisierte die Lossagung Russlands von den Werten der Freiheit, die man insbesondere mit der Bewegung der Dekabristen gleichsetzen kann.
Gay und Gastarbeiter wurden als Vertreter zweier besonders klar und öffentlich diskriminierter Gruppen in der russischen Gesellschaft ausgewählt – und ihre Teilnahme an der Aktion sollte die Gleichberechtigung der Minderheiten als wichtigstes Element einer freien Gesellschaft, die an diesem Tag “gehängt” wurde, betonen.
Somit hat diese Aktion nicht im mindesten Fremdenfeindlichkeit unterstützt, sondern ganz im Gegenteil dagegen Stellung bezogen, indem sie die gegebene soziale und politische Realität darstellte.
Juden wurden bei der Aktion nicht erwähnt, nur in einem LiveJournal-Eintrag eines der Medienkünstler von Woina, Aleksaj Pluzer-Sarno, wurde erwähnt, dass einer der gehängten Schwulen außerdem noch Jude sei.
Das war eine Anspielung auf meine jüdische Herkunft – ich als Queer-Aktivist habe bei dieser Aktion einen gehängten Homosexuellen dargestellt.
Pussy Riot tauchten erst drei Jahre später auf…
Übersetzung von Martina Steis.