Do androids dream of electric shit?
Do androids dream of electric shit?

Alexander Wolodarskij – Erziehungsarbeit. Ausschnitte aus dem Buch.

himia
Anstaltsordnung
6:00 – Aufstehen
6:45 – Frühstück. Tee und Brei, manchmal Brühe.
7:00 Appell. Die Gefangenen werden nach Abteilungen angeordnet und gezählt. Nach dem Appell gehen alle Arbeitenden zur Arbeit (die einen in die Fabrik auf dem Lagergelände, die anderen in Begleitung in die Stadt). Die meisten haben keine Arbeit und verteilen sich auf die Zimmer zum Weiterschlafen.
11:45 – Mittagessen. Farblose Suppe, die sich mit getrocknetem Pfeffer beleben lässt, als zweiten Gang: Brei mit einer Andeutung von Fleisch, ein großes Stück Brot und ein wässriger, süßer Tee.
12:00 – Appell. Wir werden wieder gezählt und gehen auseinander; die einen zur Arbeit, die anderen ins Zimmer, zum Fernseher und anderen unkomplizierten Vergnügen.
17:00 – Appell. Wir werden sorgfältigst gezählt, die Namen werden aufgerufen.
17:15 (oder direkt nach der Kontrolle) – Abendessen. Tee und Brei. Einmal gab es gebratene Lodde (arktischer Fisch, der üblich in Osteuropa ist) auf Brot, auf die alle wie auf eine Festtagsleckerei gewartet hatten. Fisch gab es einige Monate nicht und der Speiseplan wurde nur dank des Interesses einer Kommission aus den Departements etwas belebter. Nach dem Abendessen kommen die Arbeiter aus der Fabrik zurück.
20:00 – letzter Appell. Bis dahin müssen alle zurück sein, auch die, die außerhalb der Besserungsanstalt arbeiten.
22:00 – Zapfenstreich. Die Wächter gehen durch die Zimmer, löschen das Licht und zählen die Gefangenen.
3:00 – Kontrolle. Nachts kommen die Bullen leise ins Zimmer und zählen zum wiederholten Mal die Gefangenen; sie bemühen sich niemanden zu wecken, weil im Tagesablauf ein „ununterbrochener Schlaf“ festgeschrieben ist.
Um 6:00 beginnt alles von neuem. Freitags und samstags sind der Zapfenstreich auf 23:00 und das Aufstehen am Samstag und Sonntag auf 7:00 verlegt. So lässt man die Leute den Geschmack des Feiertages empfinden.
05.03.2011

Tiere. Teil 1. Läuse
Ich wollte über Kätzchen schreiben. Auf dem Gelände der Besserungsanstalt lebt eine Vielzahl von Katzen unterschiedlicher Zahmheitsgrade.
Ein Teil von ihnen sind ortsansässige, aber einige reisen mit den Gefangenen von Lager zu Lager und werden mit ihnen entlassen.
Aber ich habe beschlossen, dieses Thema wegen eines wesentlich akuteren und aktuelleren Themas zu verschieben. Wegen der Läuse. Gerade sind sie auf der benachbarten Schlafkoje gefunden worden. Dort schläft ein junger Mann, der hierher von einem Ort des Freiheitsentzuges, einem Lager, gekommen ist. Ein sauberer und ordentlicher, so dass er sich die Läuse wahrscheinlich im Zug eingefangen hat. Paragraph 185 III, Einbruchsdiebstahl in eine Wohnung.
Jetzt sammelt er fieberhaft seine Sachen ein und packt sie in eine Tüte, er wird sie „zum Braten“ bringen. Es ist ein leises Gebrumm zu hören: „Also wirklich“, “Ach so”, „So ein Scheiß“ und „Verfickt“
Das ganze Zimmer kratzt sich nervös und untersucht die Nähte der eigenen Kleidung. Bislang wurde nichts Verdächtiges gefunden, aber alle hat schon die Welle der Paranoia erfasst. Die sanitären Verhältnisse sind hier nicht besser als im Gefängnis, so dass Läuse sich blitzartig verbreiten können. Im Hahn gibt es nur eiskaltes Wasser, eine warme Dusche gibt es einmal pro Woche. Dabei wird die Badeanstalt nicht einmal mit Gas beheizt, sondern altertümlich, mit Holz.
Holz gibt es natürlich nicht, genau so wenig wie Finanzmittel. Deswegen wird mit Möbeln und Parkett geheizt. Auf dem Gelände gibt es genug verfallene Gebäude. Ein Teil sieht recht apokalyptisch aus, erinnert an die demolierte „Bunkerstadt“ aus Fallout. Es heißt, dass in einem versiegelten Gebäude mit eingestürztem Dach sogar eigenartige Schätze liegen: Die Menschen wurden so schnell von dort evakuiert, dass sie nicht einmal ihre persönlichen Sachen und Geld mitnehmen konnten und in den Kellern gibt es noch unberührte Depots.
Aber zurück zu den Läusen. In meinen Sachen fand sich auch nichts Lebendes, aber die Situation kann sich jeden Moment ändern. Wir haben keine Krankenstation. Eigentlich kann man sich für eine Untersuchung an die Klinik in Kocljubinskoe wenden, aber dort hinzukommen ist alles andere als trivial: man muss sich vorher anmelden und die Genehmigung der Verwaltung erhalten.
***
Gerade gibt es frische Nachrichten: die Badeeinrichtung ist eingestürzt. Jetzt heißt es sich aus der Blechschüssel waschen, in der Toilette. Blechschüsseln gibt es übrigens nicht. Bei diesem Tempo können Läuse zu einem integralen Bestandteil der örtlichen Fauna werden, gleichauf mit den Kakerlaken. Früher gab es auch Mäuse, aber die Katzen haben ihre Anzahl dezimiert.
Es gibt niemanden, der die Anzahl der Läuse dezimieren könnte.
07.03.2011

tarakani Tiere. Teil 2. Kakerlaken
Während einiger Tage paranoiden Suchens wurde kein einziges blutsaugendes Insekt gefunden. Die Gefahr eines Einmarsches der Läuse wird vertagt.
Der Nachbar hat das Problem mit der Desinfektion auf radikale Weise gelöst: er hat seine ganzen Sachen in den Müll geworfen. Bleibt zu hoffen, dass damit die Geschichte beendet ist: Eine Läusebefall-Epidemie könnte als Anlass für eine Einschränkung der Kontakte mit der Außenwelt genommen werden. Die Maßnahmen zur Bekämpfung von Läusen, wie sie auf den Informationswänden beschrieben sind, wirken nicht besonders vertrauenserweckend. Aber selbst sie werden nicht umgesetzt, da es keine Krankenstation gibt.
Jetzt kann man mit ruhigem Gewissen von den Kakerlaken sprechen. Vor einigen Jahren waren sie quasi aus den städtischen Wohnungen verschwunden. Wie sich herausstellt sind sie einfach nach Kocljubinskoe umgezogen. In den „Zimmern für die Nahrungsaufnahme“ kann man sie sogar tagsüber antreffen, was Bände über die Anzahl der Insekten spricht. Die untere Ecke des Kühlschrankes lässt sich nicht schließen, wenn man nicht mit dem Fuß dagegen drückt. Manchmal wird das vergessen und dann haben die Kakerlaken die Möglichkeit hinein zu krabbeln. In der Kälte nimmt ihre Aktivität schnell ab und sie schlafen direkt im Kühlschrank ein, deswegen darf man sogar in den Kühlschrank das Essen nicht ohne Deckel stellen.
Übrigens, über das Essen. Lodde ist seit kurzem ein fester Bestandteil der Ration. Brei nimmt im Regelfall niemand mehr, man bittet darum, den Fisch aufs Brot zu legen. Das Auftauchen der Lodde zum Abendessen fiel mit dem Besuch der Kommission aus dem Department für Strafvollstreckung zusammen.
Eine angenehmen Neuerung: anderes gebratenes Essen erhalten wir nicht, und selbst gebratenes zuzubereiten verhindert das Verbot von elektrischen Kochplatten.
Der Sinn dieses Verbotes, wie auch vieler anderer, ist nebulös und lässt sich nicht logisch erklären. Die Gefängnisregeln werden blind auf die Orte der „Freiheitseinschränkung“ übertragen. Aber das ist ein Thema für eine getrennte Notiz oder sogar einen Zyklus von Artikeln.
Handys sind verboten, Münzfernsprecher (wahrscheinlich illegal abgehört) sind legal. MP3-Player sind erlaubt, e-books und PDA – Verbot. Der Versuch, Regeln, die noch in der Stalinzeit ausgedacht wurden, auf die heutige Realität zu übertragen, führt zu erbärmlichen und lächerlichen Ergebnissen.
Das betrifft nicht nur die Gefängnisse sondern das Land insgesamt.
Gruß
***
Gerade war der Gefängnisdirektor da, hat gefragt, ob unser Zimmer Beschwerden und Fragen hat. Ich habe gesagt, dass es die gibt und aufgezählt: Das Fehlen von medizinischer Versorgung und Arbeit, eine drohende Epidemie, das Festhalten auf dem Gelände des Wohnheimes ohne Ausgang ins Dorf. Aus irgendeinem Grund war der Direktor beleidigt und nervös. Ein seltsamer Mensch: er fragt selbst und ist selbst beleidigt. Er versprach mir Arbeit in der Fabrik der Besserungsanstalt (früher hatte er versprochen, es gäbe die Möglichkeit nach Kiev zu fahren, wenn ich die Füße still halte, das tut er jetzt nicht mehr).
Es gibt nur eine Arbeit in der Fabrik – die Maschinen bewachen. Es gibt nichts, was auf ihnen gesägt werden könnte. Die Tischler suchen den ganzen Tag Holz, um ein Feuer zu entzünden und sich zu wärmen. Es wird interessant sein, selbst zu analysieren, in wie weit die örtlichen Arbeitsbedingungen dem Arbeitsrecht entsprechen. Die Tätigkeit von Gewerkschaften ist hier verboten, aber niemand verbietet die Gründung von Zirkeln nach Interessen. Ein Zirkel „Gefangene für produktive, bezahlte und ungefährliche Arbeit“ wird ein Erfolg*.
11.03.2011
* Wie sich später herausstellte, ist es nicht zu schaffen, einen solchen Zirkel zu gründen. Um eine Vereinigung von Gefangenen zu gründen, muss man vor der Verwaltung kriechen und lange seine „Besserung“ beweisen. Zirkel können nur absolut loyale Gefangene gründen. (Anm.d.Autors)

psoy Schnee und Tuberkulose
„Welche Arbeit gibt es hier?“
„Auf den Schnee rotzen, damit er schneller schmilzt.“
Der Sinn dieses Dialoges, den ich mit einem der Bewacher am ersten Tag hatte, erschloss sich mir erst, nachdem ich mich etwas eingelebt hatte.
Es gibt hier keine Arbeit für Gefangene, diejenigen, die in Quarantäne sind, werden mit dem Tragen von Brennholz (das gestern noch Parkett war) und Schneeschippen unterhalten. Früher musste man den Schnee anhäufen und jetzt muss man die Schneehaufen in einer dünnen Schicht auf dem Appellplatz verteilen, damit er schmilzt.
Wenn er es nicht geschafft hat bis zum Abend zu schmelzen, dann ist er bis zum Morgen mit einer Eisschicht überzogen. Wir haben mehrere Schaufeln: ein paar gewöhnliche und fünf große, unhandliche, auf die ein halber Schneehaufen auf einmal passt. Sie lassen sich auch als Transparente nutzen.
„Hör‘ mal, Sanja, lass uns hier auch eine Demo organisieren. Wir schreiben das Wort „Schwanz“ auf die Schaufeln und stellen uns vor den Speisesaal, sollen sie uns doch ins Krankenhaus bringen und wir werden sie anknurren.“ Wer denkt, ein situativer Zugang zum Protest wäre von den Bedürfnissen und Erwartungen der einfachen Leute weit entfernt, hat keine Ahnung von den einfachen Leuten.
Aber zurück zum Schnee: eine große Schaufel erlaubt es, den Schneehaufen schnell von Ort zu Ort zu transportieren, wir aber müssen ihn gleichmäßig auf ein möglichst großes Gebiet verteilen. Deswegen bleiben die kleinen Schaufeln überaus wichtige Hilfsmittel. Am bequemsten arbeitet es sich zu zweit: einer zerschlägt den großen Schneehaufen, der zweite verteilt ihn in kleinen Portionen. Die Sonne scheint in den letzten Tagen hell und die Heizungen sind schon abgestellt, aber der Schnee taut immer noch nicht wirklich. Morgen kriegen wir eine wunderbare, vereiste Schneekruste, ich denke, die Verwaltung wird sich eine spaßige Unterhaltung damit einfallen lassen.
In den Baracken für die Tuberkulosekranken ist die Heizung viel früher abgeschaltet worden als in den restlichen Gebäuden. Anscheinend war sie nicht einmal eingeschaltet worden. Elektroheizungen und Öfen sind verboten. Wahrscheinlich bekämpft die fürsorgliche Verwaltung so die Kakerlaken: eine Hütte durchfrieren zu lassen ist ein traditionelles russisches Mittel um Insekten los zu werden. Kakerlaken habe ich in der Tuberkulosebaracke tatsächlich nicht angetroffen. Die Menschen halten noch durch. Mit wechselndem Erfolg. Vor kurzem bekam ein Gefangener, Sascha Leleki, der noch 20 Tage bis zum Ende seiner Haft hatte, Fieber. Bis zu 40 Grad. Der Notarzt weigerte sich ihn mitzunehmen, er bekam nur eine fiebersenkende Spritze.
Am nächsten Tag hat er versucht ins Krankenhaus zu fahren. Raus gelassen wurde er endlich nach dem Mittag, sie konnten die ganze Zeit keinen würdigen Begleiter finden. Dann wurde er übrigens direkt wieder zurück gebracht: im Krankenhaus gab es keinen freien Platz. Obwohl Gefangene, die zur Freiheitseinschränkung verurteilt wurden, das Recht haben, sich im Dorf zu bewegen (wir haben sogar einen entsprechenden Zettel unterschrieben), darf man in der Praxis noch nicht einmal ins Krankenhaus. Wenn also ein Gefangener mit einer geschlossenen Tuberkulose wieder einmal anfängt zu husten, rätseln alle, ob das jetzt eine Erkältung ist oder ob die Krankheit in eine offene Form übergegangen ist. Eine organisierte Kontrolle ist unmöglich, das Warten auf eine Untersuchung dauert Wochen, deswegen ähnelt der Kontakt mit Menschen russischem Roulette. Wahrscheinlich zur Epidemiebekämpfung lässt man uns ohne heißes Wasser: Wenn eine normale Behandlung nicht möglich ist, bleibt nur die Abhärtung. Gut, dass es wenigstens keine Urintherapie ist.
***
Die Verwaltung und die Bewacher sind sehr um unsere Freizeitgestaltung und moralische Verfassung besorgt. Ob wir unsere Hände in den Taschen haben, ob unser Bett ordentlich gemacht ist, ob die Farbe unserer Betten mit den Nachttischen harmoniert. Das Schneeräumen spielt ebenfalls eine sehr wichtige Rolle im Prozess der Resozialisierung von Verbrechern.
Deswegen kümmert sich die Leitung darum, dass die Gefangenen so oft wie möglich auf den Schnee rotzen. Am besten Blut.
12.03.2011

Potemkinsches Dorf
Gestern ist noch einer meiner Nachbarn heim gegangen. Der, der vor ein paar Monaten im Schlaf gesprochen hat. Um die dreißig, davon elf Jahre hinter Gittern, mit kurzen Unterbrechungen. Er hofft, dass diese Strafe die letzte ist. Von den Leuten, bei denen ich im März eingezogen bin, ist nur noch einer im Zimmer. Am 21. Juni werden wir gleichzeitig zur Bewährungskommission gehen. Die Tage ziehen sich in der letzten Zeit besonders hin, entweder wegen der Hitze oder wegen der Erwartung. Es gibt eine weitere „Belobigung“ für die Arbeit in der Baubrigade und wenn sie nicht eine besonders verschlagene Provokation für mich vorbereitet haben, kann ich schon in ungefähr einem Monat in Freiheit sein.
An Stelle der freigelassenen Nachbarn sind neue angekommen. Ich bin nach wie vor der einzige Ersttäter, alle anderen Bewohner des Zimmers haben verschärftes Regime hinter sich. Das Kollektiv ist, wie auch früher, einmütig, die einzige Ausnahme sind die Fische im Aquarium. Das dominierende schwarze Skalarpärchen terrorisiert seine grauen Mitbrüder grausam, der Wels bewahrt Neutralität. Das Weibchen haben sie bereits umgebracht, das Männchen weicht bislang den Verfolgern aus und versteckt sich in den Wasserpflanzen. Wegen der Verletzung der Wohnheimregeln hat der entlassene Nachbar die schwarzen Skalare mit Karzer bestraft; er hat sie mit einem Netz gefangen, in ein Glas gesetzt und mit der Fernbedienung des Fernsehers dagegen geschlagen: „Tut den Kleinen nichts, Päderasten!“
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In den letzten Wochen ist der Eindruck entstanden, dass man aus unserer Kolonie ein potemkinsches Dorf für alle möglichen Arten von Kontrollierenden machen will. Was den Gefangenen übrigens nur Freude bereitet: wenn auch langsam, verbessern sich die Lebensumstände doch. Ab Dienstag soll es in der Kolonie eine eigene Krankenstation geben, dann muss man nicht mehr wochenlang auf eine Möglichkeit ins Krankenhaus zu kommen warten. Die Reparaturarbeiten werden immer umfassender: Die Badeeinrichtung hat eine neue Sanitärausstattung bekommen und es werden sogar getrennte Duschkabinen gebaut, das Zimmer kann nach dem eigenen Geschmack eingerichtet werden. Einzelne verlassene Gebäude auf dem Gelände werden allmählich vom Müll gesäubert. Jetzt heißt es nur noch, aus ihnen die Geister der vorherigen Leiter des Besserungszentrums (allein in den letzten eineinhalb Jahren sind hier sechs abgelöst worden) zu vertreiben und die Gebäude können zu irgendwelchen gesellschaftlich nützlich Zwecken verwandt werden. Es gibt an Idiotie grenzende Gerüchte, dass die Räume für die Europameisterschaft 2012 vorbereitet werden, es wird lustig, wenn sich das bestätigt.
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„Hast Du vom Lager 25 bei Charkov gehört? Ein absolut abgesperrter Ort, da kommt keine Presse ran. Das ist ein spezielles Gefängnis, in dem Leute gebrochen werden. Wenn sie sie nicht zerquetschen können, bringen sie sie nach Charkov. Was da passiert? Wie soll ich es Dir erklären… Da gibt es im Winter überhaupt keinen Schnee. Überall gibt es Schneehaufen, aber auf dem Appellplatz des Lagers liegt keine Schneeflocke. Weißt Du, warum? Sie fangen sie in der Luft. Mit Betttüchern.“
12.06.2011
Zeitlosigkeit
Die Bewährungskommission habe ich verhältnismäßig leicht hinter mich gebracht, es ist zu erkennen, dass das IKZ-132 (Irpen Korrekturzentrum) ein destruktives Element loswerden will. Drollig, dass das Gespenst der Freiheit vor mir auftauchte, als ich mich endgültig an den Gefängnisalltag gewöhnt hatte. Selbst wenn das Irpenskij-Gericht entscheiden sollte, mich noch fünf Monate festzuhalten, wird das nur eine ärgerliche Unannehmlichkeit sein (ich verpasse den Sommerurlaub auf der Krim und den Semesterbeginn in Erlangen), aber keine Katastrophe. Außerdem drohen mir eh‘ keine fünf Monate. Die Amnestie ist schon verabschiedet und wenn ich nicht in einer Woche auf Bewährung rauskommen, dann komme ich in ein, anderthalb Monaten wegen der Amnestie raus.
Das Oberste Gericht der Ukraine in Zivil- und Strafsachen hat die Revision zurückgewiesen, vor uns liegt der Europäische Prozess „Wolodarskij gegen die Ukraine“. Bleibt zu hoffen, dass der failed state noch zwei, drei Jahre existiert – ungefähr so lange kann die bürokratische Verzögerung in Straßburg dauern. Wünschenswert, dass der Schah und der Esel und Euer treuer Diener bis zu diesem wunderbaren Moment leben.
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Ungefähr seit Anfang Mai habe ich ein Tagebuch geführt. Nichts besonderes: eine Erfassung der Meditationen und Leibesübungen und ungeordneten Gedanken, die irgendwann zu Texten werden. Ich habe gerade das Heft durchgeblättert und verstanden, dass darin seit dem 18. keine Zeile aufgetaucht ist. Ich habe über eine ganze Seite „ZEITLOSIGKEIT“ in Großbuchstaben geschrieben, ich musste doch etwas schreiben.
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Fliegenpapier wurde im Zimmer aufgehängt, innerhalb weniger Stunden klebten daran ein paar Dutzend Insekten. Kein besonders ästhetisches Schauspiel, aber noch widerwärtiger ist das Geräusch – die Fliegen, die ihr Schicksal noch nicht ahnen, versuchen noch wegzufliegen und summen rasend. Sie leben noch, sind metaphysisch aber schon tot, ihr Summen gehört nicht mehr zu dieser Welt. Im Unterschied zu Schrödingers Katze, deren Miauen niemand hört, ist es den Fliegen gegeben, laut auf sich aufmerksam zu machen. Nicht jeden Tag hörst Du eine Stimme aus der anderen Welt. Sie verursacht Schauer und Achtung.
24.06.2011
cat
Selektive Taubheit
Der Präsident hat wiederholt ein Veto gegen das Amnestiegesetz eingelegt, das die Knackis aus Mangel an Information für angenommen und in Kraft getreten gehalten hatten. Das erinnert alles immer mehr an einen üblen Scherz. Ein Kind bekommt wieder und wieder ein leckeres Bonbon gezeigt, aber im letzten Moment wird es ihm aus den Händen gerissen. Als es das heißbegehrte, glitzernde Bonbonpapier endlich auspackt, ist es leer. Die Medien verkünden laut die herannahende Amnestie, über das Veto sprechen sie aber immer nur halblaut. Viele Inhaftierte sind bis jetzt in der Illusion verfangen und planen ihre Entlassung im Juli. Außer denen die für „Drogen“-Paragraphen sitzen (überwiegend 309 und 307). Sie fallen sowieso unter keine, nicht einmal die humanste, Amnestie. Ein Mensch, der für den Besitz von fünf Gramm Haschisch eingefahren ist (hier wird das Wort auf der ersten Silbe betont, Háschisch), steht einem besonders perversen Gewaltverbrecher gleich, einem Serienmörder oder Terroristen. Der Krieg gegen Drogen kennt keine Gnade, Nicht-Kombatanten werden darin gerne gefangen genommen und die Lebenden beneiden die Toten.
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Als Mittel gegen Neid ist in dieser Saison „Elektroschore“ in, eine billige Droge, die aus dem Schmerzmittel „Pentalgin“ gewonnen wird. Ein Opiatersatz für die Ärmsten, sie bringt in wenigen Monaten Nieren und Leber um. Das Hirn der Leute, die anfangen Elektroschore zu spritzen, ist in der Regel eh‘ schon tot. Ihr zweiter Name ist „Jährchen“, länger lebt man auf diesem Stoff nicht. Es ist bemerkenswert, dass unter ihren Konsumenten nicht nur komplett abgesunkene Opiatliebhaber sind, sondern auch Methamphetaminer. Die Wirkung von Elektroschore und Crystal Meth sind nicht nur nicht gegeneinander austauschbar, sie sind direkt entgegengesetzt und vom Standpunkt eines eingeweihten Drogenforschers macht es keinen Sinn von dem einen Stoff zum anderen zu wechseln. Aber in der Praxis wird das in der letzten Zeit immer teurer werdende Crystal Meth (eine beliebte Quelle für Pseudoephedrin, das Arzneimittel Trifed kostet um die 450 Grivna, eine Dosis damit über 100) durch das günstigere „Jähren“ ersetzt, einfach, weil der Zubereitungsprozess für beide Stoffe sehr ähnlich ist, der „Koch“ muss nicht umlernen und neue Reagenzien suchen. Das Ritual ist oft wichtiger als das eigentliche High, es ist egal, was gespritzt wird, wichtig ist die Tatsache, dass etwas gespritzt wird. Es wird von einem Menschen erzählt, der die absolute Erkenntnis des Drogen-Daos erreicht hat. Er hat Coca Cola gespritzt. Die Pille der Unsterblichkeit, gebrochen durch das Prisma des Amerikanischen Traumes, auf seine Art ein sehr schöner und symbolträchtiger Tod.
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Es gibt eine besondere Sorte von Menschen, die man als „laute“ bezeichnen kann. Sie singen ständig etwas: unverbundene Bruchstücke aus populären Liedern und Werbeclips oder einfach bedeutungslose Worte, manchmal unpassend miteinander gereimt. Wenn man einem solchen Menschen den Lautstärkeregler des Fernsehers oder Radiogerätes überlässt, wird er ihn bis zum Anschlag aufdrehen, egal, was gespielt wird: Techno, Gaunermusik, kastrierten, formatierten Rock‘n’Roll oder das Lied „Erheb Dich von den Knien, Heilige Rus‘!“, das gerade das halbe Lager zudröhnt.
Macht man einen lauten Menschen mit der wunderbaren Welt der Drogenpräparate vertraut, wird er sich alles durcheinander einfahren ohne über die Folgen nachzudenken. Es ist schlimmer, wenn jemand einen „Lauten“ mit religiösen oder politischen Dogmen anfixt. Dann beschallt er die Leute in seiner Umgebung mit der Bibel, Marx oder LaVey eifriger, als sein nicht aufgeklärter Mitbruder das mit einer Joghurtwerbung, die er aus dem Fernseher hat, macht.
Genau dieser Ekel vor dem Lärm hält viele würdige Menschen davon ab, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Es gilt, das selektive Gehör zu trainieren. Das Problem besteht darin, dass Leute mit einem schlechten Gehör dazu neigen, selbst zu schreien, man muss das Gleichgewicht halten und darf sich nicht zum Schreien hinreißen lassen.
03.07.2011

Übersetzung – Martina Steis.

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