Do androids dream of electric shit?
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Über den Donbass: Anarchistische Standpunkte

Der einzige Grundwert, um den herum sich eine linke und libertäre Politik aufbauen kann, sind die Menschen. Nicht der Staat, nicht die Nation, nicht Ideen, nicht Mythen, sondern Menschen. Und diese nicht als irgendwelche abstrakten Massen, sondern jeder konkrete kleine Mensch mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Fehlern. Deshalb beurteile ich die Ereignisse im Donbass indem ich den Blick auf eben die Menschen richte, und verwerfe solche nationalistischen Phantome wie das „Recht der Nationen auf Selbstbestimmung“ oder „territoriale Integrität“.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf die Farbe der Fahnen, sondern schauen wir auf das Wesentliche. Was gerade im Osten des Landes passiert ist eine Verwandlung des Donbass in Somalia. Nicht in Guljajpole, wie das manche pseudo-linke braune Arschlöcher behauptet haben, sondern genau in Somalia – eine Gegend, wo alles von bewaffneten Banden beherrscht wird. Ein Guljajpolje kann jetzt im Dobass schlicht und einfach nicht entstehen. Denn Anarchie, das sind keine lustigen Kerls mit Seemannshemden und Akkordeon aus sowjetischen Filmen, Anarchie ist nicht Karusellfahren und dabei herumballern, Anarchie, das ist die Fähigkeit der Menschen zur selbstständigen Organisation und Zusammenzuarbeit. Das heißt, um an irgendeinem Ort eine Gemeinschaft zu bilden, die sich „anarchistisch“, „libertär“ oder „links“ nennen kann, muss eine kritische Masse von Bürger*innen aktiv in diesen Prozess verstrickt sein. Im Spanien der 30er waren Hunderttausende und Millionen Menschen praktizierende Anarchist*innen. Die Machnovschina hat sich nicht nur auf Tachankas und Gewehre gestützt, sondern auch auf Arbeitsräte, Gewerkschaften und auf die damals noch lebendige Tradition der Obschina (Gemeinschaft) der Bauern, die für sich selbst ein Beispiel für eine breite Selbstorganisierung von unten ist. Jede*r Zapatist*in stellt in vollem Bewusstsein einen Teil des libertären Soziums dar, die Menschen nehmen das Allgemeine als das Ihre wahr und sind kollektiv an Entscheidungsprozessen beteiligt.

Wenn bewaffnete Banden in den Städten herumlaufen, die Kriminalität auf der Straße alle Maße übersteigt und der Großteil der Bevölkerung in Angst und Schrecken zuhause sitzt und nur an Fluchtmöglichkeiten denkt – das ist keine Anarchie, sondern ihr genaues Gegenteil. Im Donbass gibt es jetzt keine Voraussetzungen für den Aufbau einer libertären Gemeinschaft. Es gibt hier keine Massen-Arbeiter*innenbewegung (nicht mal eine apolitische, die ein gewisses Gerüst bilden könnte), und keine irgendwie einflussreichen politischen Organisationen. Es gibt unabhängige Gewerkschaften von Minenarbeiter*innen, aber das sind kleine Inseln in einem Ozean. Irgendwann wird um diese Minen sicher etwas Progressives entstehen, vielleicht die ersten Sprösslinge einer anarchistischen Volnica, eines freien Gebiets. Aber gerade jetzt ist jede aktive Arbeiter*innenbewegung im Donbass verdammt – sobald sie sich präsentiert, wird sie sofort vom bewaffneten Lumpenproletariat zermalmt. Ein gewisses libertäres Projekt in dieser Gegend besteht aus ein paar Dutzend vereinzelten Aktivist*innen die in den Städten verstreut sind, und aus eher unpolitischen als linken Trade-Unions, die keine militante Kraft sein können (und auch bisher nicht wollen) geschweigedenn überhaupt fähig sind, den mehrzähligen ausgebildeten bewaffneten Gegner*innen Widerstand zu leisten.

In der jetzigen Etappe brauchen die Arbeiter*innen im Donbass und in der Slobozhanschina vor allem Frieden. Dafür, dass ein bourgeoiser Krieg in einen Klassenkrieg verwandelt wird, müssen sie irgendwelche Ressourcen haben, in erster Linie organisatorische, die es jetzt nicht gibt. Man muss Kräfte aufstocken und Verbindungen festigen, dafür braucht es Jahre. Die Bildung einer „Somaliaschina“ wirft alle Perspektiven auf die Entstehung einer Grassroots-Bewegung zurück. Die einzigen, die von dem profitieren was gerade passiert, sind Politikaner*innen die in blutigem Schlammwasser fischen, und Leute für autoritäre und nationalistische Projekte sammeln.

Gleichermaßen Brechreiz hervorrufend sind westliche und russländische Couch-Beobachter*innen, die sich die Gelegenheit für eine unterhaltsame Show nicht entgehen lassen, und die gewählte Seite des Konflikts mit dem Fäustchen dem Monitor drohend unterstützen. Das Wesen der Ereignisse zu ergründen und darüber nachzudenken ist nicht nötig, ja sogar unerwünscht – es stört dabei, die Show zu genießen. Geil, irgendwelche eingeborenen Wilden bringen sich gegenseitig um, da gibt es rote Fahnen, Bänder, Lenin, Halali-halali!
Übersetzung – Philomena

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