Das alte Kleid des Faschismus

kaiser
Jedes Mal vor dem 9. Mai erwarten wir Provokationen und Konflikte. Werden rote Fahnen aufgehängt? Werden Veteran*innen von Neonazis attackiert? Was nehmen die Schlägertypen mit St.Georgs-Bändern, die sich für Befreiungssoldaten halten, diesmal ein? Der Tag des Sieges ist endgültig zum Tag des russischen Militarismus und der imperialen Revanche geworden, und versucht sich dabei mit dem Schlagwort „Antifaschismus“ zu rechtfertigen. Gleichzeitig wird von den ukrainischen Ultrarechten unter dem Vorwand des Kampfes gegen den russischen Militarismus eine alte Rhetorik und Ästhetik wiederbelebt, die nicht ohne Grund mit Nazis und Kollaborateuren assoziiert wird.

Der Hauptteil der ukrainischen Gesellschaft sind heute Geiseln der Gegenüberstellung von ukrainischen Nationalist*innen und ihren russischen Kolleg*innen, die beide für sich beanspruchen, im Namen der Regionen zu handeln – entsprechend des Westens und Südostens. Die einen Rechten nennen sich „Linke“, und berufen sich nicht etwa auf die Werte und Ideen des Sozialismus und Anarchismus, sondern auf die sowjetische Nostalgie eines starken Staates. Die anderen Rechten erklären sich den „europäischen Werten“ ergeben, und entfachen dabei eine xenophobische Hysterie. In der Geschichte des zweiten Weltkrieges gibt es übrigens auch genug unklare, sich widersprechende und nicht in Rahmen passende propagandistische Mythen: es reicht schon, wenn man sich an das Jahr 1939 und an die Teilung Polens erinnert – hier ist bezeichnend, dass die sowjetisch-patriotische Lesart der Geschichte den Anfang des Krieges oft mit dem Jahr 1941 datiert.

Manchmal scheint es, dass die heutigen Politiker*innen sich mit einer riesigen absurden historischen Rekonstruktion befassen: sie schimpfen sich gegenseitig „Faschist*innen“ und „russische Chauvinist*innen“, sind beleidigt und dementieren einander, aber gleichzeitig wenden sie alle Bemühungen auf, die beleidigenden Epitheta zu bestätigen: Die einen hissen Flaggen mit der „Wolfsangel“, schmerzhaft an Hakenkreuze erinnernd, die anderen kopieren eifrig die sowjetische kriegspatriotische Ästhetik, oft mit orthodox-imperialem Kolorit gestreckt. Die einen wie die anderen bekreuzigen sich vor ihren ideologischen und historischen Prototypen. Wenn man einen Svobodisten als Faschisten bezeichnet, fängt er mit fast sektierendem Eifer an zu beweisen, dass sein Sozial-Nationalismus nichts mit National-Sozialismus, geschweigedenn Faschismus zu tun hat. Das gleiche kann man über die Mehrheit der Träger*innen der St.Georgs-Bänder sagen: In Antwort auf die Beschuldigung des „russischen Nationalismus“ schwingen sie gleichermaßen eine pathetische und unsinnige Rede über die „Slawische Einheit“ oder über das „russische internationalistische Volk“.

In der Wildnis kopieren harmlose Insekten oft die Farben von fleischfressenden oder giftigen, damit sie bedrohlicher wirken. Und einem Fleischfresser nützt es wiederum, sich im Gras zu tarnen und durch nichts bemerkbar zu machen. So ist die optimale Maskierung des besonders listigen Jägers, dass er aussieht wie er selbst – eine falsche Gefahr ausstrahlend, die sich bei erneutem Hinsehen als echte herausstellt. Wir sind gewohnt, dass Faschismus etwas ist, das weit weg und besiegt ist, seine Wortbedeutung verloren hat, verwandelt in unseriöse politische Beschimpfung. Jemanden einen Faschisten zu nennen heißt, Godwin’s Law zu brechen, eine rethorische Worthülse zu produzieren. Deswegen ist es für einen echten Faschisten sogar nützlich, wenn er Faschist genannt wird. Die Geschichte „Des Kaisers neue Kleider“ genau andersherum: Niemand glaubt dem jungen Pimpf, der die banale und offensichtliche Wahrheit ausspricht. Der Kaiser, der seine Nacktheit bemerkt, spöttisch zu den Zuschauer*innen: „Na, nennt mich doch einen Nackten, zeigt was für törichte Kinder ihr seid, die keine Ahnung von Mode haben.“
Die beliebtesten Fetische der Ultrarechten: Alle möglichen Variationen des Hakenkreuzes, die rechte Hand heben („römischer Gruß“, „slawisches Zeichen vom Herz zur Sonne“ oder schlicht und einfach „Sieg Heil“), Versuche, die Wortverbindung „National-Sozialismus“ in den Losungen und Namen der Organisationen zu benutzen – das ist nicht der Wunsch, den Tribut ihren ideologischen Vorgängern zu zollen, sondern das Bestreben, jeden Versuch sie zu identifizieren aus der Ernsthaftigkeit in eine Farce zu verwandeln.

Die „Svoboda“ und ihre eher marginalen Gleichgesinnten werden gerne für ihre Symbolik, Losungen und xenophobe Rhetorik kritisiert, aber das ist genau die Kritik, auf die sie hoffen. „Jarosch’s Visitenkarte“ wurde nicht umsonst zu einem lustigen Internet-Mem. Der nackte Kaiser, seine Hüften schwingend, erschreckt die Kinder mit seinem Bierbauch und lacht sich schief über ihre Versuche, seine Blöße zu entlarven. Eine Gefolgschaft aus rechten Intellektuellen, Kulturschaffenden und sympathisierenden Journalist*innen betet dem Kaiser nach. Jede seriöse Kritik geht in dem Gelächter schlichtweg unter. Das Gelächter erlangt eine fast hysterische Dimension, wenn man laut ausspricht, dass die Merkmale des Faschismus (korporativer Staat, in dem Business und Macht vereint sind, Zensur in den Medien und in der Kunst, von Berufspropagandist*innen ausgedachte „traditionelle Werte“, sozialer Populismus verbunden mit der Verteidigung der Interessen des Großkapitals, „Diktatur des Gesetzes“ und Kampf für die „Einheit der Nation“) nicht nur marginalen Gruppen anhaften, sondern einem Großteil des ukrainischen politischen Mainstream, den besiegten Regionalen genau so wie denen, die sie in den Korridoren der Macht abgelöst haben.

Besonders traurig ist diese Situation für die wenigen übriggebliebenen Veteran*innen. Es ist eine bittere Ironie, dass gerade die Leute, die vor 70 Jahren als Fußsoldaten im Krieg der zwar ekelhaften aber großen Tyrannen waren, jetzt die Rolle der Bauern-Figuren im Scharmützel der politischen Zwerge spielen.
Die Spirale der Geschichte hat eine Umwindung gemacht, und die Tragödie ist jetzt zu einer Farce geworden.

Übersetzung von Philomena

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