„Frieden ist Krieg“ – Eine Kritik der Friedensbewegung

„Wer zu den Grausamen barmherzig ist, wird zu den Barmherzigen grausam sein.“
Jüdisches Sprichwort

Glaube nie den Hippies.

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Am 11. Dezember haben Vertreter der traditionellen deutschen Friedensbewegung, die sich als Nachfolger der Antikriegsbewegung der 60er Jahre betrachten an einer gemeinsamen Kundgebung mit Gruppen teilgenommen, welche die Montagsdemonstrationen veranstalten. D.h. mit Ultrarechten, Vertretern eines „dritten Weges“, Putin- und Neurussland-Fanatikern und Verschwörungstheoretikern. Die roten Fahnen der bolschewistischen Sekten und von „Die Linke“, die Regenbogenfahne des Pazifismus (nicht zu verwechseln mit dem Symbol der LGBT-Bewegung) und das Sankt-Georgs-Band haben endlich ihren Platz beieinander gefunden. Die schrille Farbpalette hatte in der Mischung allerdings einen Hang zum Braunen.

Die Deutung des Begriffes „Frieden“ war bei den Kundgebungsteilnehmern eigenartig: eine kleine Personengruppe, die versuchte Plakate mit der Aufschrift „Putin, Hände weg von der Ukraine“ mitzubringen, wurde von den aggressiven Pazifisten fast verprügelt. Offensichtlich verstanden die Kundgebungsteilnehmer unter Frieden ausschließlich „Frieden mit Russland“. Sie alle haben unterschiedliche Beweggründe: Rechtsradikale und Konservative sehen in Putin einen Verteidiger der ihnen teuren traditionellen Werte, die „Linken“ stalinistischer Prägung glauben im innersten ihrer Seele, dass die UdSSR noch existiert und von einem weisen roten Führer beherrscht wird, die „Antiimperialisten“ sind bereit selbst den Teufel zu unterstützen, wenn dieser sich gegen die USA äußert, und die Verschwörungstheoretiker hoffen vergeblich, dass wenigstens Putin aus dem geheimnisvollen Bärenland kein Reptiloid sei, und sie von ihm nicht gechipt oder mit Impfungen traktiert werden.

Im Deutschen gibt es eine hervorragende Bezeichnung – „Querfront“. Die Taktik der Bildung einer solchen „Querfront“ setzt die Schaffung einer ideologischen Plattform voraus, welche dazu berufen ist Linke und Rechte zu vereinen. Doch in der Praxis gewinnen dabei immer nur die Rechten. Die rot-braune Einigkeit der 90er Jahre ist leider kein ausschließlich postsowjetisches Phänomen, die europäischen Linken sind davon nicht weniger infiziert. Die Bildung und Rechtfertigung einer „breiten Front“ stellt eine bedingt linke Masse in den Dienst rechter Ziele, und nichtreflektierte „friedensstiftende“ Bewegungen sind ein gutes Beispiel für diese Tendenz.

Die Friedensbewegung ist heuchlerisch
Die „Friedensbewegung“ gründet sich von Anfang an auf Lügen. Einen Teil seiner Aktiven bilden Linke, hauptsächlich (post)sowjetischer Gesinnung. Die Rechtfertigung oder gar die Unausweichlichkeit von Gewalt ist in ihrer Ideologie strukturell festgeschrieben. Wenn ein christlicher Anarchist sich noch naive Phantasien über „das Reich allgemeiner Liebe und Güte“ erlauben kann, so belügt ein die Gewalt kritisierender Bolschewik ganz einfach die ihn Umgebenden (und manchmal auch sich selbst), und überschreitet eigene Prinzipien. Man kann nicht für „Frieden“ kämpfen und sich gleichzeitig ernsthaft auf die proletarische Revolution vorbereiten, die einen Bürgerkrieg voraussetzt.
Das wäre ein gerechter Verteidigungskrieg gegen die Reaktion? Nehmen wir es mal an, aber allein das Dulden einer Existenz von „gerechten Kriegen“ führt jeglichen pazifistischen Pathos ad Absurdum. Regenbogenfahnen mit der Aufschrift „Peace“ stören die roten Friedensstifter nicht bei ihrer Begeisterung für sowjetische militaristische Fetische. Nichts erfreut ihr Auge mehr, als ein Panzer mit roten Sternen. Die Formel „Rote Armee – Befreierin“ wurde von ihnen bis zum Absurden geführt, sie waren bereit in ihr auch beim Einmarsch in Tschechien und während des Krieges in Afghanistan eine „Friedensstifter-Armee“ zu sehen. Genau so sind sie heute rein gewohnheitsmäßig bereit die Armee der Russischen Föderation oder die „neurussischen“ Banden zu unterstützen, denn Russen sind von Natur aus Antifaschisten, von ihnen kann nichts Schlechtes ausgehen. Es ist putzig, dass die Logik der deutschen Stalinisten praktisch genau mit den Äußerungen des russischen Faschisten Jegor Cholmogorow übereinstimmt, welcher über Jahre hinweg Neonazis verteidigte, die Migranten töteten. Seit Kurzem nennt er sich „Antifaschist“. Nicht weil er seine Meinung geändert hat, sondern ein Russe ist einfach Antifaschist, egal was er tut. Eine noch größere Heuchelei demonstrieren die „Antiimperialisten“. Leute die mit einem Porträt des Kriegsverbrechers Assad zu Kundgebungen gehen, Leute die freudig Khaddafi unterstützten und sich über die Atomsprengköpfe Nordkoreas freuten reden vom „Frieden“. Für sie ist genau nach Orwell der Frieden – Krieg, Krieg gegen den „amerikanischen Imperialismus und seine Helfershelfer“. Und selbst wenn keine Spur des amerikanischen Imperialismus zu beobachten ist, wird er erfunden, wie im letzten Frühjahr eine Bedrohung durch die NATO in der Krim und im Donbass erfunden wurde.

Bezeichnend im Sinne der Heuchelei ist die Tätigkeit der Organisation „Borot’ba“, welche bereits im Januar 2014 „Kundgebungen gegen den Bürgerkrieg“ durchführte und dann in erster Reihe die „Volksrepubliken“ unterstützte. Zu gleicher Zeit wo die einen Sprecher der „Borot’ba“ über Frieden lügen, treten die anderen Schulter an Schulter mit russischen Nationalisten auf (ein Beispiel für dieses Bündnis ist die „Gefolgschaft von Odessa“ oder die Strukturen der „Charkower Volksrepublik“). Wie „friedfertig“ die Ultrarechten, die den anderen Flügel der „Kämpfer für den Frieden“ bilden in Wirklichkeit sind, muss nicht erklärt werden. Sie selbst erklären dies mit Freude bei jeder passenden Gelegenheit. Durch die Tat. In Deutschland ist für sie der „Kampf für den Frieden“ nicht nur ein Grund Kremlgelder abzuarbeiten, sondern auch eine Möglichkeit öffentlich aufzutreten, ohne Risiko von der Antifa angegriffen zu werden.

Die Friedensbewegung ist inkompetent
Die öffentliche Rhetorik der „Friedensstifter“ zeigt ein völliges Unverständnis der Realien, über die sie urteilen. Zum Beispiel kämpfen sie allen Ernstes gegen amerikanische Truppen, die “wegen dem Erdöl” in die Ukraine eindringen. Sie benutzen etablierte Schablonen und versuchen nicht einmal, die an der Oberfläche liegenden Tatsachen zu analysieren. Sie machen Erklärungen, die Hunderttausend und Millionen Leben betreffen, ohne auch nur annähernd über ein Verständnis der Lage zu verfügen. Sie benutzen auswendig gelernte Wörter und führen angelernte Handlungen aus, die in keiner Weise mit der Realität harmonieren. Sie laufen durch Berlin mit Plakaten „schlagt Klitschko“ und fotografieren ihn nachts vor dem Hintergrund von Autos mit ukrainischen Nummernschildern. So kämpfen sie mit dem Faschismus, der ihrer Meinung nach in der Ukraine gesiegt hat.

Eine andere Methode des Kampfes sind Überfälle auf Personen mit „faschistischen“ blau-gelben Fahnen oder Stickereien, während die „antifaschistischen“ Fahnen Russlands stolz über den Friedensdemonstrationen wehen.

Kein Wunder, dass sich in diesem Umfeld politische Freaks aller Couleur wohl fühlen: Anhänger der Rückkehr zur Goldwährung, Gegner der Jugendgerichtsbarkeit oder Anhänger der alten guten jüdischen Weltverschwörung. Sie tauchen immer dort auf, wo Dummköpfe überzeugt davon sprechen, wovon sie nicht die geringste Ahnung haben und ein dankbares Publikum finden.

Die Friedensbewegung ist einfach dumm
In der Friedensbewegung, auf den Montagsdemonstrationen und in ähnlichen Gebilden in der ganzen Welt gibt es ehrliche aufrechte Menschen. Das sind die Narren. Menschen, die sehr gern gegen „alles Böse und für alles Gute“ eintreten, und dabei nicht bemerken, dass sie Manipuliermasse für Politiker sind, deren Tätigkeit eher dem Entfesseln von Kriegen dient, denn der Schaffung von Frieden. Sie wollen dies nicht bemerken, denn die politische Aktivität setzt für sie kein Ergebnis voraus – sie ist ein Anlass sich „gut“ und „richtig“ zu fühlen.
Die Idee zur Durchführung einer „Food-not-bombs“-Aktion in Kiew in diesem Sommer ist erinnerlich. Es gab den Vorschlag, einmal Flüchtlinge aus der Zone der Anti-Terroristischen-Operation zu füttern, sich vor diesem Hintergrund zu fotografieren und gegen den ukrainischen Militarismus aufzutreten. Doch die Veranstalter lehnten ab, denn es gibt unterschiedliche Flüchtlinge. Und Menschen die vor der „Volksmiliz Neurusslands“ geflohen sind, könnten die Idee einer Entwaffnung der ukrainischen Armee nicht genügend wertschätzen. Dann wurde der Vorschlag gemacht, jemand anderes zu füttern, wenn diese Flüchtlinge schon so launisch wären. Denn es ist so angenehm: essen zu kochen und für den Frieden einzutreten! Die Menschen selbst haben in diesem Schema keinen Wert, wichtig sind rituelle Handlungen, jemand muss gefüttert werden: Flüchtlinge, Obdachlose, zufällige Spaziergänger. Letztenendes essen wir selbst, Hauptsache für den Frieden. Ein Beispiel für eine gleiche friedensstiftende Torheit, bloß mit einem intellektuellen Hauch, ist die im Juni verfasste „Minsker Deklaration“ (diese sollte nicht mit den Minsker Waffenstillstandsverhandlungen verwechselt werden).

Ihre Unterzeichner rissen sich nicht darum jemanden zu füttern, dafür aßen sie selbst mit Genuss. Und ihre zwischen den Trankopfern verfassten Forderungen einer „synchronen“ Entwaffnung (die in der Praxis nur von einer Seite umgesetzt worden wäre) übersteigen in ihrer Dummheit selbst den subkulturellen Krieg für eine Entmilitarisierung. Einige „linke Intellektuelle“ einigten sich auf Aufrufe die Gebiete Lugansk und Donezk völlig den Militärjuntas der LNR-DNR (Lugansker und Donezker Volksrepubliken) zu überlassen (unterdessen beträgt die Fläche, die tatsächlich von den Kämpfern kontrolliert wird weniger als die Hälfte dieser Gebiete). Dummheit und Verantwortungslosigkeit, Unfähigkeit zur Analyse und schreiende Abwesenheit von Logik sind beständige Begleiter der Antikriegsbewegung.
Epilog

Der Kampf gegen den Militarismus, wie auch jeglicher politische Kampf, erfordert eine besonnene Analyse. Um einen Krieg zu stoppen, muss man die Mechanismen verstehen, die zu seinen Beginn führen. Beschwörungen wie „das ist ein Krieg der Oligarchen“ und „Pest für beide Seiten“, gleich moralischen Urteilen über „Hass“ und „Nächstenliebe“ sind keine Analyse. Pflichtgemäße Beschuldigungen an die Adresse der Imperialisten eben so wenig. Es gibt kein Universalschema, welches den Krieg im Irak, in Syrien, in Libyen, im Gaza-Streifen, in Jugoslawien und im Donbass erklären kann, und es kann keins geben. Es gibt keine Universallösung, die zu jedem Fall passt und es kann sie nicht geben. Es gibt natürlich grundlegende Dinge, die immer getan werden können und müssen. Hilfe für Geschädigte. Aufdeckung von Kriegsverbrechen und Bestrafung der Schuldigen. Aber um sich damit zu beschäftigen, sollte man zumindest lernen eine reale Information von propagandistischen Fälschungen zu unterscheiden. Dazu braucht es Erfahrungen im kritischen Denken.

Gibt es diese bei den „Kämpfern für den Frieden“, die daran glauben, dass im Donbass amerikanische Truppen Russland erobern, und ihnen der tapfere rote Kommandeur Strelkow widersteht? Gibt es sie bei den „linken Intellektuellen“, die im Frühjahr applaudierten als die Kämpfer Technik und Bewaffnung eroberten, und dies als „Beginn einer Basisbewegung des Volkes“ ansahen? Die Frage ist rhetorisch. Die Kämpfer für den Frieden ähneln in ihrer Mehrheit Scharlatanen, die eine tödliche Krankheit durch Gebete, Bioenergie und Volksmedizin zu heilen versuchen.

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